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Buchvorstellung

Jüdische Orte in Thessaloniki
Ein historischer Rundgang
Molho, Rena / Hastaoglou-Martinidis, Vilma
Übersetzt von Philipp Haugwitz.

Romiosini, Lycabettus Press 2011,ca. 85 S., 978-3-929889-90-1, Paperback, 15,80

Vorwort des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Thessaloniki


Mitregierende, zweite Hauptstadt, Nymphe des Thermaischen Golfs, Sepharden-Metropole, Jerusalem des Balkans.
Dies sind nur einige wenige der Titel, mit denen unsere Stadt im Laufe der Zeit geschmückt wurde. Sie ist eine Kosmopolitin, voll von Wissen, polyglott. Voller altersbedingter Weisheit, jedoch immer lebendig, hat Thessaloniki viel mit der Natur des Menschen gemeinsam. Und sie vergisst nicht.
Die Jahre sind vergangen, die Stadt hat sich verändert — sie ist riesig geworden. Sie hat jedoch nicht aufgehört, all das Erlebte und Erlittene in sich zu tragen — die Juden sind dabei seit jeher ein untrennbarer Teil dieser Stadt.
Seit der Gründung von Thessaloniki sind Juden hier zu Hause gewesen und betrachten die Stadt bis heute als ihre Heimat.
Es mag sein, dass es für den Besucher nicht einfach ist, diese jahrhundertealten Bindungen auf den ersten Blick zu erkennen. Rena Molho und Vilma Hastaoglou-Martinidis schaffen dem Abhilfe. Sie fassen historische Daten, Biographien und Orte zusammen und erschaffen so ein umfangreiches und fundiertes Bild der reichen jüdischen Vergangenheit Thessalonikis.
So kann der Leser des Buches nicht nur etwas lernen, sondern diese jahrhundertealte Stadt gar vor dem inneren Auge auferstehen lassen.
Er kann die Stimmen der Straßenhändler hören, die — natürlich auf sephardisch — für ihre Waren werben. Er kann die Straßenmusikanten sehen, die bei allen fröhlichen Anlässen präsent sind. Er kann Gemeindemitglieder über die Unterstützung von gemeinnützigen Stiftungen wie Matanot Laevionim, das Waisenhaus Allatini, die sozialen Einrichtungen von Bikour Holim oder das Hirsch-Hospital diskutieren hören. Er kann die Schritte und Stimmen von Schülern, Pfadfindern und Sportlern hören, die die Schulen der Gemeinde und der Alliance, die Sportplätze, die Bibliotheken und die Vereinssäle beleben. Er kann die ehrwürdigen Rabbiner sehen,wie sie in den berühmten jüdischen Schulen der Stadt lehren und in den mehr als 30 Synagogen die Tora lesen, wenn Thessaloniki am Sabbat stillsteht. Er kann mit den unzähligen Händlern am Hafen, auf dem Modiano-Markt und in der Karasso-Passage verhandeln. Er kann hervorragende Ärzte, Anwälte und eine ganze Menge anderer jüdischer Fachleute um Rat bitten.
Diesem „angenehmen" Tumult folgt ein betäubendes Schweigen. In diesem Schweigen verbirgt sich Schmerz und Trauer — das dunkle Kapitel des Holocausts und damit nicht nur der Tod von 50.000 Juden - Bürgern der Stadt, sondern auch der Versuch der Auslöschung jedes Zeichens jüdischer Geschichte.
Dennoch durfte Thessaloniki nach Kriegsende ihre Kinder wieder willkommen heißen - einige wenige, die trotz allem, was sie in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten erlebt haben, wieder ihre Stadt aufsuchten. Sie kamen zurück, um wieder hier zu leben, um ihre eigenen Kinder in den Gassen von Thessaloniki heranwachsen zu sehen und zu beobachten, wie die Gemeinde der Stadt wieder Großes schafft.


David Saltiel Präsident der
Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki Thessaloniki, 2011