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Rezensionen

Die blaue Tür
Brigitte Münch
Ägäische Geschichten


Größenwahn Verlag, 2011, Frankfurt/Main, Softcover, 172 S., ISBN: 978-3-942223-03-4, 12,90 €



Rezension
von Ina Lelbach, Bonn

Die Erzählungen von Brigitte Münch spielen im zeitgenössischen Griechenland, ihre Akteure sind vor allem junge deutsche Frauen, die sich zu diesem Land und seinen Menschen hingezogen fühlen. Mit großer Einfühlsamkeit beschreibt die Autorin, die nach Aufenthalten in vielen Teilen der Welt seit 25 Jahren auf Naxos lebt und die Landessprache fließend spricht, entscheidende Situationen im Leben dieser Frauen (und auch einiger Männer), deren Aufenthalt in Griechenland ihrem Leben einschneidende Wendungen oder Impulse gibt. In diesen Geschichten kommt die jahrtausende alte, meist sehr lebenskluge Art der Griechen zum Ausdruck, die die aus einer anderen Tradition Kommenden mit einer neuen Sichtweise konfrontiert und ihnen hilft, ihre eigene Situation besser zu verstehen und zu klären. Die gängigen Klischees, die sich seit „Alexis Sorbas“ bei uns eingenistet haben, sind vollkommen vergessen – wir erleben auf interessante und spannende Weise das moderne Griechenland, das der Autorin vertraut ist – sicher nicht zuletzt deshalb, weil sie sich durch ihre fundamentale Sprachkenntnisse das Wesen ihrer Protagonisten besser erschließt, als jeder vorübergehende Besucher des Landes das könnte.

Als Beispiel hier eine kurze Inhaltsangabe der Titelgeschichte, die von Eva, einer jungen Frau (einer Deutschen?), handelt, die in Athen lebt, und, wie sie später erzählt, mit ihrem Mann die Ferien meist auf Ägina verbringt. Diesmal aber wollte sie allein und ganz woanders sein. Wir begegnen ihr in einem kleinen griechischen Ort am Meer, wo sie in einer engen Gasse an einem verwitterten alten Haus vorbeigeht, das ihr immer als seit langem verlassen erschienen war, mit einem Feigenbaum davor und einer schönen blauen Tür, die diesmal allerdings offen steht. Auch die sonst geschlossenen blauen Fensterläden sind geöffnet und sie beschließt, sich drinnen vorsichtig umzusehen. Es scheint ein Laden zu sein mit alten Regalen und antiquierten Töpfer- und Kupferwaren, Dekorationen und Spinnweben in den Ecken. Plötzlich erreicht sie eine freundliche Stimme aus dem Hinterraum, die sie auffordert, näher zu kommen, und sie sieht eine alte Frau, die an einem Tisch sitzt. Sie fordert sie auf, sich zu ihr zu setzten und scheint über die unerwartete Abwechslung erfreut zu sein. Eva soll ihr etwas von „draußen“ erzählen – und es entspinnt sich ein anrührendes Gespräch in dem beide Frauen, voll Trauer und Wärme von dem Verlust ihrer Kinder erzählen; Eva von ihrem kleinen Sohn, den sie kürzlich durch eine unheilbare Krankheit verloren hat und die alte Frau von ihren drei Söhnen, die vor Jahren im Bürgerkrieg, durch Unfall und auf dem Meer umgekommen waren und deren Mann sich aus Kummer zu Tode getrunken hat. Die Lebensweisheit der alten Frau ebenso wie die liebevolle Art, auf ihren eigenen Kummer einzugehen, beeindrucken Eva zutiefst. Sie geht in ihre Pension zurück. Es fällt ihr ein, dass sie der alten Frau nichts abgekauft hat und so geht sie später am Abend nochmals an dem Haus vorbei, das aber wieder genauso verlassen aussieht wie in den Tagen zuvor. Die Tür ist verschlossen. Sie geht noch etwas weiter in ein altes Kafenion und bestellt einen Kaffee. Der Wirt, dem sie von ihrer Begegnung mit der alten Frau erzählt, ist auf das äußerste erstaunt und meint sie müsse da etwas verwechselt haben. Die arme Despina, die ein so schweres Schicksal gehabt habe, sei schon vor Jahren gestorben, das ganze Dorf habe an der Beerdigung teilgenommen. Eva ist verwirrt und beeindruckt und geht traumverloren ins Hotel zurück. Auch am nächsten Morgen sieht das Haus mit der blauen Tür genauso verlassen aus wie am Abend zuvor. Nach einem kurzen Weg entlang der Hafenmole setzt sich Eva in eine kleine alte Kapelle und zündet eine Kerze an....

Es ist die Atmosphäre, die Menschlichkeit und die, man möchte sagen tausende Jahre alte Erfahrung von Leid und Existenznöten, die an dieser Geschichte ganz besonders beeindruckt. Auch die anderen Geschichten haben auf unterschiedliche Art ihren eigenen Reiz.
Ein spannendes Buch, das man gerne und mit Gewinn liest.